Mittwoch, 30. November 2016

Liebe kostet

Man könnte sagen: "Du bist ja selber schuld. Was musst du auch so viele Gefühle investieren. Warum müssen dir Beziehungen auch so wichtig sein? Warum bist du nicht einfach bei deinem Berufswunsch aus Abizeiten (egal - hauptsache es hat nichts mit Menschen zu tun) geblieben? Warum baust du nicht einfach eine dicke Mauer um dein Herz und schützt es so vor allen Gefühlen? Vor allen Verletzungen und Enttäuschungen?"
Und manchmal frage ich mich das selbst. Aber ich will nicht, dass das eine echte Option für mich wird. Das darf nicht meine Lösung sein. Ich will kein eingemauertes, verhärtetes und verbittertes Herz. Auch wenn das manchmal als der einfachere Weg erscheint.
Ich will lieben. Auch um den Preis von Verletzungen und Enttäuschungen. Ich nehme sie in Kauf. Aber immer wieder muss ich feststellen, dass das ein verdammt hoher Preis ist. Es kostet - es kostet mich viel bei dieser Entscheidung zu bleiben.

Was hilft mir ganz praktisch bei der Umsetzung? Ich weiß nicht, ob es irgendwelche allgemeingültige Rezepte gibt, oder ob man jedes Mal, wenn man "zur Kasse gebeten" wird neue Taschen im Umhang der Liebe entdecken muss, aus denen man das nötige Kleingeld - die nötige Kraft - schöpfen kann.
Zwei Taschen, die ich bei mir in den letzten Tagen und Monaten entdeckt habe, möchte ich gerne mit euch teilen.

Einmal war ich gerade dabei mich in meinem Schmerz zu suhlen und meinen Rachegelüsten nachzuhängen. Ich überlegte, was ich der betreffenden Person alles fieses an den Kopf werfen könnte oder wie ich es ihr mit Reaktionen, die ihre Handlungsweise spiegeln, heimzahlen könnte. Ich litt wegen ihr - also sollte sollte auch sie leiden. In diesen Gedankenstrom hinein fiel mir plötzlich ein Bibelvers ein: "Mein ist die Rache, spricht der Herr." Das saß. Es dauerte einen Moment, aber dann konnte ich mithilfe dieses Satzes meine Rachegelüste loslassen. Ich sah ein, dass es nichts bringt, mich auf das gleiche Niveau hinabzubegeben und Gleiches mit Gleichem zu begleichen. Wenn mir Unrecht angetan wurde, dann wird ER für Gerechtigkeit sorgen. Ich aber soll der Person gegenüber weiterhin freundlich und zugewandt sein.

Das zweite Mal war der Preis mindestens 100 Größenordnungen höher. Der Schmerz schier unermesslich und scheinbar nie wieder nachlassend. In diesem Schmerz half mir die Tasche mit der Rache Gottes nicht im Geringsten. Es tat einfach viel zu sehr weh, als dass ich meine Wut einfach so hätte loslassen können. Sehr viel länger musste ich diesmal meinen Umhang abklopfen und als ich eigentlich schon nicht mehr daran glaubte, dass ich den Preis diesmal würde zahlen können, als ich kurz davor war, von meiner Entscheidung zu lassen und doch die Tür zu meinen Gefühlen fest zu verschließen, da erhielt ich plötzlich eine Antwort auf die Frage: "Warum sollte ich diesen Schmerz ertragen?" Sie lautete: " Weil die Liebe diesen Schmerz lieber selbst erträgt, als zu sehen, wie der Geliebte diesen Schmerz aushalten muss." Und die Antwort auf die Frage warum ich eine Person, die mir so weh tut, noch lieben sollte, wusste ich leider schon vorher: "Weil sie geliebtes Kind Gottes ist." Und ich will mehr und mehr versuchen alle Menschen mit Gottes liebendem Blick anzuschauen. Ohne Ausnahme. Das bedeutet auch jenen Liebe zu schenken, mit denen ich nicht befreundet bin - ja, mit denen ich mir in 100 Jahren keine Freundschaft vorstellen könnte.

Ich muss ganz ehrlich sagen: auch wenn es mir damit gelingt das Ganze theoretisch zu akzeptieren, es dann wirklich in der Realität und mit meinem ganzen Sein anzunehmen ist etwas völlig anderes. Es tut weh. Und selbst wenn ich vom Kopf her sage: "Aus Liebe zu jener Person, bin ich dazu bereit den Preis zu zahlen." bin ich mir noch nicht sicher, ob mein Herz das wirklich aushält. Ich weiß nicht, ob in der Tasche, die ich da entdeckt habe, wirklich genug Kraft drin ist.

Montag, 28. November 2016

Liliengleich

In der Zeit vor meiner Profess habe ich in dem Buch Exercitia spiritualia (geistliche Übungen) von Gertrud von Helfta gelesen. Am Tag selbst dann insbesondere im vierten Exercitium, das überschrieben ist mit "Profess der Seele vor Gott". Darin finden sich wunderschöne Gebetsworte, von denen ich hier einige wiedergeben möchte:

"Jesus, guter Hirte: mach, dass ich höre und erkenne deine Stimme, die mich wegruft von allem, was hindernd mich fernhält von dir. In deinen Arm hebe mich auf. [...]
Siehe, ich trete hin zu dir, o verzehrendes Feuer, mein Gott. In der feurigen Gewalt deiner Liebe verschlingst du mich kleines Staubkorn: verzehre mich bis aufs Innerste und sauge mich hinein in dich.
Siehe, ich trete hin zu dir, mein Licht. Lass dein Angesicht aufleuchten über mir, dass meine Finsternis werde wie heller Mittag in deiner Gegenwart. [...]
In den Abgrund inniger Liebe bin ich geworfen: versenke mich vollends darin!  [...] in dir, oh mein wahres Leben, mache mich neu. [...]
O komm, edle Liebe: ich bin nur ein unedler Halm; doch durch dich, durch deinen blühenden Anblick, bin ich der Lilie gleich."

Sonntag, 27. November 2016

wie konnte ich nur?

... jemals vergessen wie schön der Advent im Kloster ist. Gestern mit der ersten Vesper des ersten Advents fing er an. Plötzlich sind es andere Antiphonen die wir zu den Psalmen singen. Sie haben einen anderen Charakter und gleich ist die ganze Stimmung irgendwie anders.
Und dann vor dem Abendessen im dunklen Refektorium bei Kerzenschein "Rorate caeli" singen - zum Dahinschmelzen. Der Advent ist eine wunderschöne Zeit und es ist schade, dass er draußen meistens untergeht. Unter normalem Alltag, unter Vorweihnachtsstress mit Weihnachtseinkäufen, Weihnachtsmärkten, Weihnachtsdeko und Weihnachtsmusik aus allen Lautsprechern. Da geht er unter - der eigentliche Advent. Der Advent der stillen und hoffnungsvollen Erwartung. Der Advent der leisen Töne und tiefen Sehnsüchte. Der Advent, der noch nicht Weihnachten ist. Der noch karg und trocken - aber schon von Kerzen erhellt ist.
Ich liebe ihn. Diesen Advent im Kloster. Und ich wünsche euch, dass ihr beim Anzünden eures Adventskranzes etwas davon erspürt. Möge der Herr euren Advent segnen und eure Sehnsucht nach Ihm stärken.


Samstag, 26. November 2016

wieder dabei

Ja, ich bin wieder dabei. Damit meine ich nicht nur, dass ich wieder richtiges Ordensmitglied bin, sondern auch, dass ich nach einer Woche im Bett nun wieder überall dabei bin. Endlich wieder mit am Chor, mit im Refektor - einfach überall dabei. So schön.
Apropos schön - auch meine Profess vor einer knappen Woche war schön. Sie war zwar echt schnell vorbei, aber mein Gast hat es recht gut in Worte gepackt: "Es war nüchtern und doch ergreifend."
Ich habe mich also festgelegt. Für drei Jahre gebunden. Bin ich jetzt festgelegt? Festgebunden? Gefesselt? Unfrei?
Nein. Ich bin enger verbunden mit der Gemeinschaft. Tiefer verwurzelt im Kloster. Mehr zu Hause.
Eine Schwester aus einem anderen Haus hat mir einen Brief geschrieben und ich habe mich riesig über einen Satz gefreut: "Du bist wieder heim gekommen."
Ich bin wieder da - dabei - da-heim.
Und dafür DAnke ich von ganzem Herzen!

Samstag, 19. November 2016

Für drei Jahre

Binde ich mich morgen an dieses Haus, diese Gemeinschaft, diese Lebensweise. Ich lege Profess ab. Wie vor fünf Jahren am 20.11. - dem Fest Christkönig. ER ist noch immer mein König. Mein Bräutigam. Mein geliebter Herr und Gott. Ich weihe Ihm mein Leben und schenke Ihm alles, was ich bin und habe. Denn Er hat sich mir zuerst geschenkt. Er hat mich von Ewigkeit her geliebt und sich mir hingegeben.
Ich freue mich auf die drei Jahre, die vor mir liegen und bin gespannt, was sie alles für mich bereithalten.
Das Leben mit und für Ihn ist einfach so schön!

Mittwoch, 16. November 2016

Sehnsucht bis zum letzten Atemzug

Heute hat mich die Frage beschäftigt, warum wir eigentlich immer das haben wollen, was andere haben. Ja - auch im Kloster ist Neid ein Thema - und nicht gerade das Kleinste. Und das obwohl man doch eigentlich freiwillig auf jede Form von Besitz verzichtet. Aber man kann auf so viel mehr neidisch sein, als das neue Auto des Nachbarn oder das neue Smartphone der Freundin. Der Neid kann aufkommen, wenn ich feststelle, dass ein anderer etwas besonders gut kann, wenn ihm etwas Besonderes erlaubt wird, oder ihm einfach nur etwas Nettes gesagt wird.
Es war eine Belanglosigkeit, die mich zum Nachdenken brachte. Beim Frühstück schmierte sich die Schwester neben mir Honig aufs Brot und ich dachte: "Oh, Honig! Ich will auch!" Und schon ging es los. Das Nachdenken darüber, warum ich jetzt das will, was ich bei der anderen sehe.
Ich glaube, dass der letzte Grund für unser "Haben-Wollen-Was-Andere-Haben" in einer ungestillten Sehnsucht liegt. Wir spüren, dass uns etwas fehlt. Dass wir nicht ganz komplett sind. Dass wir die letzte Vollendung und perfektes Glück noch nicht erreicht haben.
Aber egal was wir uns anschaffen, was wir essen oder welchen Urlaub wir machen - es wird nie reichen. Nichts auf dieser Welt kann diese tiefste Sehnsucht nach vollkommener Erfüllung befriedigen. Wir sind auf Gott hin geschaffen. Deshalb spüren wir, dass uns noch etwas fehlt, bis wir bei Ihm angekommen sind.
Wenn ich das weiß,  dann kann ich ganz gelassen auf alles Schöne schauen, das ein anderer hat oder darf, weil ich weiß, dass selbst wenn ich es hätte - es würde mich nicht wirklich glücklich machen. Wenn ich weiß, dass all mein "Haben-Wollen" in der Sehnsucht nach Gott begründet ist, dann kann ich die Dinge dieser Welt loslassen und mich nach Gott ausstrecken - nach Ihm, der mein wahres Glück ist in Ewigkeit.

Wenn ich das nicht weiß, dann denke ich bei allem, was ich bei anderen oder in der Werbung sehe: "Vielleicht brauche ich nur noch das - und dann bin ich wirklich glücklich." Dann laufe ich jedem Trend hinterher und lasse mich ständig manipulieren.
Dann findet mein Herz keine Ruhe.

Mittwoch, 9. November 2016

Wissen wie es geht

Es ist bemerkenswert. Wie gut man sich in einem völlig fremden Kloster zurechtfindet, wenn man Erfahrung im Klosterleben hat. Insbesondere dann, wenn es sich um Klöster des selben Ordens handelt. Völlig egal in welchen Winkel der Erde man reist - man kennt sich aus. Vielleicht nicht mit allen Gepflogenheiten, aber doch mit vielen. Man weiß wie man sich wo zu verhalten hat, welches der eigene Platz ist, wie die "Choreographie" in der Kirche geht und in welcher Melodie man die Psalmen singt. Auch wenn man kein Wort der dortigen Sprache versteht, so kann man sich doch sofort ein Stückchen zu Hause fühlen.
Wie ich finde eine großartige Sache, die weltweite Ordensfamilie. DANKE, dass euch alle gibt!
Egal wo wir herkommen und wie wir aussehen - wir leben ähnlich und haben alle das gleiche Ziel.

Dienstag, 8. November 2016

Eindrücke vom französischen Kloster Rieunette

In der letzten Woche hatte ich die Gelegenheit das wunderschöne, kleine und abgelegene Kloster Rieunette in den Bergen hinter Carcassonne zu besuchen. Dort lebt eine beeindruckende Gemeinschaft von fünf Schwestern. Ich bin wirklich sehr bereichert heimgekehrt. Hier ein paar Bilder:

Blick auf den Gästebereich - ganz links: Werkstatt - ganz rechts: Kirche

Blick in den Kreuzgarten vom 1. Stock aus

Blick in den Kreuzgarten vom Kreuzgang aus

Friedhof an der Kopfseite der Kirche

Klosterkirche von innen


einer der Gärten